Chronik Finanzamt Bernkastel-Kues |
Finanzamt Bernkastel-Kues im Wandel der Zeiten Zwischen den Städten Trier und Koblenz, im Herzen der Mittelmosel, liegt eingebettet in eine Wald- und Rebenlandschaft die Stadt Bernkastel-Kues. Die erste urkundliche Nennung von Bernkastel, ebenso wie die von Kues, stammt aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts. An der Wende des 7. und 8. Jahrhundert verzeichnet ein Geograph einen Ort "princastellum". Dies gilt als Hinweis auf ein erstes (römisches) Kastell im 4. und 5. Jahrhundert in der Nähe der heutigen Burgruine Landshut. Adalbero von Luxemburg baute 993 eine Burg und nannte sie nach seinem Wappentier, dem Bären. Aus "Bärenkastell" wurde Bernkastel. Vor der Burg wuchs nunmehr der Ort. Den nahm Triers Erzbischof Poppo 1017 in Schutz und baute eine neue Burg. Der dritte Burgbau - die heutige Burgruine - wurde 1277 vom Erzbischof von Vinstingen begonnen. Ein Besuch des Kaisers Maximilian im Jahre 1512 schmückt sie mit dem Ehrennamen "Landshut". Bei einem Brand im Jahre 1692 wurde sie vernichtet. Sie ist heute noch ein lohnendes Ausflugsziel, das einen wunderschönen Blick auf das Moseltal und die Stadt Bernkastel-Kues gewährt. Am 29. Mai 1291 verlieh König Rudolf von Habsburg "Berrincastel" die Stadtrechte. Anlässlich der 700 Jahre Stadtrechte für Bernkastel-Kues wurde im Jahre 1991 dem damaligen großen Ereignis durch vielfältige Veranstaltungen gedacht. Im 15. Jahrhundert wurde in Bernkastel neben Weinbau und Weinhandel auch Bergbau betrieben. 1816 wurde Bernkastel Kreisstadt, musste diese Funktion aber im Zuge der Gebiets- und Verwaltungsreform 1969 abgeben. Am 01. April 1905 erfolgte der Zusammenschluss der Stadt Bernkastel und dem gegenüberliegenden Winzerdorf Kues zur Stadt "Bernkastel-Kues". Die Stadt Bernkastel-Kues ist stolz darauf, auch heute noch mit einer bedeutsamen Persönlichkeit des 15. Jahrhunderts in einem Atemzug genannt zu werden, nämlich dem nach seinem Heimatort Kues benannten Bischof und Kardinal Nikolaus Cusanus oder auch Nikolaus von Kues. Dieser wurde 1401 in Kues geboren. Er war der bedeutendste kirchliche Funktionsträger seiner Zeit. 1464 starb er in Italien. Das St.-Nikolaus-Hospital - auch Cusanus-Stift genannt - ist eine Stiftung des Kardinals Nikolaus Cusanus, dem größten Sohn der Mosel. Das vor mehr als 500 Jahren erbaute Hospital gilt als Juwel spätmittelalterlicher Baukunst. Die unvergleichbare Bibliothek enthält wertvolle Handschriften aus der Zeit des 9. bis 15. Jahrhunderts, darunter auch die Manuskripte der Werke des großen Universalgelehrten. Das Geburtshaus des Kardinals, am Nikolausufer gelegen, ist seit 1980 Museum und zeigt sein grandioses Leben.
Mit dem Ende der Ausbauarbeiten der Mosel zur Großschifffahrtsstraße und dem Bau des Kueser Hafens wurde Bernkastel-Kues 1964 "Hafenstadt". Im Jahre 1970 wurden die Orte Andel und Wehlen eingemeindet. Auf Grund seiner herrlichen Lage über dem engen Moseltal und der Möglichkeit längerer Spaziergänge auf gleich bleibender Höhe ist das "Kueser Plateau" geradezu der ideale Ort zur Rehabilitation von Kranken. So wurde dort ein REHA- Zentrum mit vier Kliniken geschaffen. Weiterhin befinden sich hier die Mosellandhalle, ein Hotelpark und ein wunderschön angelegter Kurpark. Der bekannte, noch mittelalterlich anmutende Marktplatz mit seinen zauberhaften. 400 Jahre alten Fachwerkhäusern, dem Spätrenaissance-Rathaus von 1608, dem sehenswerten Spitzhäuschen von 1583 und dem Michaelsbrunnen von 1606 sowie die engen Gassen sind immer wieder Anziehungspunkte für Besucher aus aller Welt. Auch das Mosel-Wein-Museum und das städtische Heimatmuseum "Graacher Tor" sind einen Besuch wert. Der Fremdenverkehr - Tagesreisende sowie Urlaubs- und Kurgäste - hat sich im Laufe der Zeit neben den traditionellen Sektoren Weinbau und Weinhandel zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt Bereits im Jahre 1839 wurden in dem ersten Reiseführer über das Moseltal drei Unterkunftsmöglichkeiten für Bernkastel genannt. Durch die Anbindung der Stadt an das Eisenbahnnetz zu Beginn dieses Jahrhunderts erlebte der Fremdenverkehr einen erheblichen Aufschwung. Besonders die Moseltalbahn stellte als "Saufbähnchen" (wegen der Möglichkeit, in einem Restaurantwagen die Weine der vorbeiziehenden Orte probieren zu können) eine Attraktion für die Weinfreunde und Fremden dar ( der Schienenverkehr wurde 1962 eingestellt). Im Jahre 1989 zählte man 622 100 Übernachtungen. Die Stadt steht - gemessen an den Übernachtungszahlen - inzwischen an 3. Stelle aller Fremdenverkehrsgemeinden in Rheinland-Pfalz. Weit über die Grenzen hinaus bekannt ist das Weinfest der Mittelmosel, das alljährlich am ersten Wochenende im September stattfindet. Bernkastel-Kues hat ca. 7 500 Einwohner und ist auch Sitz mehrerer Behörden. Die Stadt hat unter anderem ein modernes Schul- und Sportzentrum sowie ein Krankenhaus. Von den rheinland-pfälzischen Finanzämtern nimmt das Finanzamt Bernkastel-Kues in Bezug auf Steueraufkommen, Anzahl der Steuerfälle und Anzahl der Bediensteten eher einen bescheidenen Platz ein. Um so bewegter ist die Geschichte des Amtes. Das Finanzamt Bernkastel ist im Zuge der Gründung der Reichsfinanzverwaltung im Jahre 1919/1920 errichtet und wie die anderen Finanzämter im heutigen nördlichen Bereich der OFD Koblenz dem Landesfinanzamt Köln als Mittelbehörde zugeordnet worden. Zur Übereinstimmung mit dem Namen der Stadt Bernkastel-Kues erfolgte mit Landesverordnung vom 10.06.1981 die Umbenennung in Finanzamt "Bernkastel-Kues". Mangels eigener Räumlichkeiten musste das Finanzamt bei der Errichtung zunächst in gemieteten Räumen untergebracht werden. So wurde für das Amt mit Ausnahme der Finanzkasse das Gebäude eines Weingutsbesitzers Ecke Schanzstraße, Schloßweg im Stadtteil Bernkastel angemietet. Die Finanzkasse musste mit einer gemieteten Wohnung in der Burgstraße, ebenfalls im Stadtteil Bernkastel, vorlieb nehmen. Zur Festsetzung und Erhebung von Steuern vor
1920 im Bereich des Finanzamts Bernkastel-Kues ist über
die allgemein bekannten geschichtlichen Überlieferungen
hinaus hier wenig bekannt. Vorhanden ist noch ein
Originalbescheid über so genannte Gemeindegefälle des
Gemeinde-Empfangs-Bezirks von Bernkastel für das Jahr
1858. Insbesondere unter den genannten Abgaben "Communal-Beischlag",
"Bürgereinkaufsgeld" und "Bürgereinzugsgeld"
kann man sich heute wenig vorstellen. Jedenfalls gab es
damals aber auch schon Vollstreckungsgebühren und
Vollstreckungskosten, nur wurden diese als "Exekutionskosten"
bezeichnet.
Die ersten Veröffentlichungen des Finanzamts Bernkastel datieren vermutlich vom 08. März 1920. Hier werden in der örtlichen Presse aufgrund des § 22 Abs. l des Gesetzes über eine Kriegsabgabe vom Vermögenszuwachs alle Personen, deren Vermögen sich seit dem 01.01.1914 bis zum 30.06.1919 um mindestens 6 000 Mk erhöht hat, aufgefordert, ihre Steuererklärung nach dem vorgeschriebenen Formular in der Zeit vom 11. bis 25.03.1920 schriftlich oder mündlich vor dem Finanzamt abzugeben. In einer weiteren Veröffentlichung des gleichen Tages werden die Kapitalgesellschaften auf Grund des § 28 des Gesetzes über eine außerordentliche Kriegsabgabe für das Rechnungsjahr 1919 zur Abgabe einer Steuererklärung aufgefordert Mit welchem Nachdruck damals solche amtlichen Aufforderungen ergingen, verdeutlichen die folgenden Auszüge der Veröffentlichungen: ".....Wissentlich unrichtige und unvollständige Angaben in der Steuererklärung sind mit Geldstrafen und gegebenenfalls mit Gefängnisstrafe bis zu fünf Jahren und mit dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte bedroht. Die Prüfung, was steuerpflichtig ist und was nicht, steht dem Finanzamt, nicht dem Abgabepflichtigen zu....." Die heutige öffentliche Aufforderung zur Abgabe einer Steuererklärung ist vergleichsweise dazu noch konziliant abgefasst. Doch zurück zu den Ereignissen der zwanziger Jahre, die in der Finanzverwaltung einmalig sind und für das Finanzamt Bernkastel in die Geschichte eingehen sollten. Der l. Weltkrieg war verloren. Der Finanzbedarf des Reiches war groß und der Steuerdruck auf die Bürger lastete schwer. Dazu kamen Inflation, Missernten und eine für den Weinbau an der Mosel verheerende Weineinfuhrpolitik, der zufolge große Mengen Wein aus Spanien und Frankreich, ohne entsprechende zolltarifliche Belastung und ohne Gegenmaßnahmen der Reichsregierung in das damals von den Franzosen besetzte Rheinland eingeführt wurden. Der Moselwein war dieser ausländischen Konkurrenz nicht gewachsen. Die Preisstürze gingen ins Uferlose und trotz alledem hielt die Regierung an der im Jahre 1918 eingeführten Weinsteuer von bis zu 20 v. H. fest. Alle diese Umstände führten dazu, dass Mitte der zwanziger Jahre unter den Winzerfamilien an der Mosel große Not herrschte. Besonders groß war die Not bei den Familien, die die recht bescheidene Lebensweise ausschließlich oder überwiegend aus der Vermarktung ihrer Weinernten bestritten und selbst die einfachen Grundnahrungsmittel wie Brot und Kartoffeln kaufen mussten. Es fehlte an allen Ecken und Enden, die damals noch zahlenmäßig großen Familien auch nur mit dem Notwendigsten zu versorgen. Es gab Winzerfamilien, so schrieben die Zeitungen, die nichts als Kartoffeln aßen, die sie mit Zwiebeln und Salz würzten. Selbst trockenes Brot war eine Seltenheit. Nachdem die Erträgnisse der guten Weinernte 1921 und der befriedigenden Ernte 1922 wegen der Inflation den Winzern praktisch in den Händen zerronnen waren, folgten in den Jahren 1923 und 1925 wenig ertragsreiche Ernten, die aber im Winter 1925/1926 noch zusammen mit der mengenmäßig relativ guten Ernte des Jahres 1924 unverkäuflich in den Kellern lagerten. Zu alledem gab die Landesgenossenschaftsbank Trier mit Rundschreiben vom 23. Februar 1926 an ihre Genossenschaften in den Weinbaugebieten die Anweisung, für weinbauliche Zwecke keine Kredite der Rentenbank-Kreditanstalt zur Verfügung zu stellen. Wörtlich heißt es dort: "Die unter der größten Not leidenden Weinbaugebiete werden damit von diesen Krediten ausgeschlossen: nur auf rein landwirtschaftliche Anwesen werden diese Hypothekendarlehen gewährt". Berichten zufolge wurden wegen rückständiger Steuerschulden mehr Pfändungen vorgenommen als wegen anderer Schulden. Ein Obersteuersekretär namens S. soll der meist gehasste Mann an der Mittelmosel gewesen sein. Sogar das schöne Mosellied "Im weiten deutschen Lande" wurde der überall spürbaren Resignation der Bürger zufolge mit Datum vom 20. Februar 1926 im Text völlig umgestaltet und in der Zeitung veröffentlicht. So lautete die 3. Strophe der geänderten Fassung nunmehr: Da weinen holdselige Frauen Ende Februar des Jahres 1926 eskalierten dann die Ereignisse. Die Zentrumspartei, die zu dieser Zeit den überwiegenden Teil der Winzer zu ihren Wählern zählte, rief zu Kundgebungen der Winzerschaft im Moselgebiet auf. Nachdem bereits in den Städten Trier und Cochem sowie in der Winzergemeinde Bullay Kundgebungen stattgefunden hatten, erfolgte in der Bernkasteler Zeitung vom 22. Februar 1926 folgender öffentlicher Aufruf:
Nachdem bereits an der Protestkundgebung in der Gemeinde Bullay viele Winzer teilgenommen hatten - die Bernkasteler Zeitung vom 08. Februar 1926 berichtet von einer Protestkundgebung, wie sie das Moselland noch nicht sah - war auch in der Stadt Bernkastel-Kues mit einer großen Beteiligung der Winzer zu rechnen. Dies umso mehr, als zusätzlich Plakate mit dem nachstehend abgebildeten Aufruf zu einer "Winzermobilmachung" auftauchten:
Am Morgen des 25. Februar 1926 wurde der Vorsteher des Finanzamtes Bernkastel RR Vogt auf die bevorstehende Demonstration hingewiesen und vorgewarnt. Wörtlich heißt es in der Mitteilung: "Es wird Ihnen mitgeteilt, dass am Nachmittag des 25. Februar 1926 eine große Massenkundgebung vor Ihrem Amt stattfindet. Die Winzer verlangen u. a. folgende 2 Punkte: 1. Sofortige Zurückzahlung der zuviel gezahlten Steuern, 2. es wird keine Steuer mehr bezahlt, bis bessere Verhältnisse eingetreten sind. Sollte wider Erwarten das Finanzamt geschlossen sein, so kann für die Haltung der Menschenmassen nicht garantiert werden". Was der Aufruf zur Winzermobilmachung beim Finanzamt für das Amt bedeuten konnte, hatte der Cröver Karnevalsverein "Komm an mein Herz" Tage zuvor in seinem Rosenmontagszug demonstriert. An der Spitze dieses Zuges ging ein Schildträger, der zur Teilnahme an der Protestversammlung am 25. Februar 1926 in Bernkastel-Kues aufforderte. Dann wurden mit allen Geräten die im Laufe des Jahres erforderlichen Arbeiten vorgeführt. Die einzelnen Abteilungen zeigten zu Fuß und im Wagen das Schneiden, Stöcken, Binden, Graben, Spritzen, Schwefeln, Aufbinden, Lesen, Keltern usw.. Dann kam die Lesekommission im Wagen, ferner die arbeitslose Schrötergesellschaft, deren Arbeitsmaterial zu rosten beginnt. Auch die Weinkaufleute wurden den Zuschauern gezeigt (als Fata Morgana). Nun kam das hergerichtete Finanzamt mit seinen Beamten, dann eine Presse, unter der zwei Winzer gepresst und gefoltert wurden. Zum Schluss wurde dann in dem mehrstündigen Zug noch vorgeführt, wie weit es kommen kann, wenn die Erbitterung des Volkes auf höchste steigt. Mit allen Geräten stürmten die Winzer auf den letzten Wagen (Finanzamt) los und schlugen alles kurz und klein, so dass die Insassen nur mit Mühe ihre Person in Sicherheit bringen konnten. Der 25. Februar 1926 war ein sonniger und warmer Vorfrühlingstag. Über die Vorgänge dieses Tages gibt die Bernkasteler Zeitung in ihrer Ausgabe vom 26. Februar 1926 zusammengefasst folgenden Verlauf der Ereignisse wieder "Eine Stunde vor Versammlungsbeginn, gegen drei Uhr nachmittags, kamen etwa l200 Winzer zu Fuß in geschlossenem Zug aus den Ortschaften Graach, Zeltingen. Erden, Lösnich. Ürzig usw.. Ein Sonderdampfer und die Züge brachten weitere Massen aus Kinheim und Cröv. Am Gestade vereinigten sie sich zu einem großen Zuge. Ihm voran wurde eine schwarze Fahne getragen. Zahlreiche Schilder wurden mitgeführt, die die Winzernot kundgaben und die bekannten Forderungen der Winzer zum Ausdruck brachten. U. a. war zu lesen:
Der Zug setzte sich in Bewegung und marschierte schweigend über das Gestade zum Finanzamt. Die dort aufgestellten Landjäger und Polizeibeamten wehrten zunächst die Versuche, in das Finanzamt einzudringen, ab. Auf einmal flogen Steine aus dem gegenüberliegenden Garten in die Fenster. Dies wirkte wie ein Zeichen zum Sturm. Das 5 bis 6 Mann starke Polizeiaufgebot war machtlos gegenüber der anstürmenden Menge. Die Türe wurde aufgebrochen und hinein drangen viele Demonstranten. Die im Dienst befindlichen Finanzbeamten wurden fortgejagt. Machtlos mussten die Beamten, von denen einer - der erwähnte Obersteuersekretär S. - misshandelt wurde, dem Treiben zuschauen. Sie liefen förmlich Spießruten durch die erregte Menge. Nun kamen die ersten Aktenbündel aus dem Fenster geflogen, von der Menge mit brausendem Hallo aufgenommen. Alles was nicht niet- und nagelfest war, wurde auf die Straße geworfen. Akten, Bücher, Schreibmaschinen. Regale, Tische, Stühle, Büroröcke, also alles Erreichbare wanderte auf die Straße. Dem persönlichen Eingreifen des Landrats Gorius, der sich in das Finanzamt begab, ist es wohl zu verdanken, dass das Gebäude nicht in Brand gesteckt wurde. Es konnte jedoch nicht verhütet werden, dass die in hohen Haufen auf der Straße liegenden Akten und Einrichtungsgegenstände angezündet wurden. Der Wind trug die angekohlten Papiere hoch in die Luft und zerstreute sie über die ganze Stadt.
Nachdem diese Vernichtungsaktion ihr Ende gefunden hatte, zog die Menge in die Burgstraße vor die Finanzkasse. Im Nu waren die Fenster des Gebäudes eingeschlagen, die Türe aufgebrochen und alles Erreichbare auf die Straße geworfen. Die ganze Straße in einer Entfernung von 100 Metern war dicht besät mit herausgeschleuderten Akten und Schriftstücken.
Der größte Teil der Winzer war mittlerweile auf die andere Moselseite zum Jugendheim im Stadtteil Kues marschiert, um an der Versammlung der Zentrumspartei teilzunehmen. Der Stoßtrupp dagegen konnte es nicht lassen, auch das in der Bahnhofstraße erst vor wenigen Tagen neu eingerichtete Zollamt auszuplündern. Bis auf das letzte Aktenstück wurde auch hier alles auf die Straße geworfen und in Brand gesteckt. Die Versammlung war schon im Gange, da sah man hoch in der Luft in dem 400 bis 500 Meter entfernten Jugendheim die verkohlten Papierreste fliegen. Der Wind trug sie ausgerechnet nach Süden. Auf dem freien Platze vor dem Jugendheim in Cues hatten sich etwa 3 000 bis 4 000 Menschen versammelt, als die Reichstagsabgeordneten Dr. Kaas usw. eintrafen....".
Schaaf berichtet im Jahrbuch 1983 für den Kreis Bernkastel-Wittlich gestützt auf Quellen des Landeshauptarchivs dazu weiter. "Eine dichte Rauchfahne lag über dem Moseltal, als die Zentrumspolitiker vor etwa 4000 Winzern in Kues das Wort ergriffen. Wir haben den Willen, so rief Prälat Dr. Kaas den Winzern zu, das Recht zu kämpfen und wir haben gekämpft für die Moselwinzer, aber wir kämpfen nicht auf dem Wege der Gewalt. Viele Winzer teilten diese Ansicht nicht. Für sie war die vollzogene Gewaltanwendung der unvermeidliche elementare Aufschrei der bitteren Not und des Elends, den die Politiker an höherer Stelle herausgefordert hatten. Gegen Abend des 25. Februar traf von Trier ein stärkeres motorisiertes Polizeiaufgebot in Bernkastel ein und begann sogleich mit der Ermittlung gegen die gewalttätigen Demonstranten. Am frühen Morgen des folgenden Tages wurden in Graach, Lösnich und Erden zwölf Winzer verhaftet und nach Bernkastel gebracht". Die Bernkasteler Zeitung berichtet in der Ausgabe vom 27. Februar 1926: "Die gestern auf Veranlassung des Oberstaatsanwaltes Festgenommenen wurden im Laufe des Tages zunächst polizeilich und daran anschließend im Laufe des Nachmittags gerichtlich vernommen. Die Festnahme hat in den einzelnen Orten der Mosel eine gewaltige Erregung hervorgerufen. Die Glocken läuteten Sturm und die ganze Einwohnerschaft versammelte sich in den Dörfern, um sich zu einem Demonstrationszug nach Bernkastel zu rüsten. Von Stunde zu Stunde wurde die Situation kritischer. Die Erregung unter den Massen steigerte sich mehr und mehr. Es war unter der gesamten Winzerbevölkerung nur eine Stimme der Forderung auf Freilassung der Gefangenen zu hören. Einige Abordnungen wurden im Laufe des Nachmittags nach Bernkastel-Kues entsandt, und wurden auf dem Landratsamt von dem Oberstaatsanwalt empfangen. Mittlerweile sammelten sich in den Orten Kinheim, Erden, Lösnich, Ürzig, Zeltingen, Graach Hunderte von Winzern in den besten Mannesjahren, junge Leute und Familienväter, zum Marsch nach Bernkastel-Kues. Da von den Abordnungen noch keine Nachricht eingegangen war, traf der etwa 600 - 700 Mann zählende Zug gegen 1:25 Uhr in Bernkastel-Kues ein. An der Brücke hatte sich inzwischen die Gendarmerie abwehrbereit aufgestellt. Einige Bürger von hier gingen dem Zug entgegen und mahnten zur Ruhe und Besonnenheit, um die Situation nicht noch weiter zu verschärfen. Der Zug konnte dann auch am Moseltalbahnhof aufgehalten werden. Die Vernehmungen der Staatsanwaltschaft waren inzwischen zum Abschluss gekommen. Die Hälfte der Festgenommenen konnte deshalb schon in den ersten Nachmittagsstunden entlassen werden. Gegen die restlichen Festgenommenen ergaben die Ermittlungen belastendes Material und eine volle Klarstellung des Sachverhaltes. Da es sich um ansässige Winzer handelte, die teils verheiratet sind, und 6-7 Kinder haben und auch Grundvermögen besitzen, und demgemäß bei allen Fluchtverdacht als vorliegend nicht anerkannt werden konnte, erfolgte gegen 5 Uhr auch ihre Entlassung. Das gerichtliche Verfahren wird nun seinen Fortgang nehmen. Nach der Freigabe der Festgenommenen wälzte sich der Demonstrationszug bis zur Postenkette vor, wo einer der Unterhändler von einem Auto aus an die Volksmenge, die auf über l000 Personen angewachsen war, eine kurze Ansprache richtete und Mitteilungen von der Entlassung der Festgenommenen machte. Er forderte die Menge auf, zur ruhigen Rückkehr in die Ortschaften. Mit brausenden Hurrarufen wurden die Freigelassenen, die erklärten, dass sie sich freiwillig den weiteren Vernehmungen stellen würden, empfangen. Zu Ausschreitungen kam es nicht, so dass auch keine Ursache für die Polizei vorlag, irgendwie einzugreifen. Unter dem Gesang des Moselliedes zog die Menge wieder geschlossen nach Hause". Mit Anklageschrift vom 09.04.1926 klagte der Oberstaatsanwalt in Trier insgesamt 29 bisher unbestrafte Winzer und Winzergehilfen wegen Landfriedensbruchs an. Als Rädelsführer waren nur drei Demonstranten angeklagt, die übrigen standen unter der Anklage der Gewalttätigkeit gegen Personen und Sachen. Hier ein Auszug aus der Anklageschrift: "Vor der Türe des Finanzamtes standen der Landjägermeister K. und der Oberlandjäger F., während die übrigen Landjäger und die städtischen Polizeibeamten im Hofe des gegenüberliegenden kath. Vereinshauses sich bereithielten. Der Winzer J.R.A. erhielt als Abgeordneter der Winzer Einlass in das Finanzamt und überreichte dem Reg. Rat Dr. Vogt das von dem P.C. in der Menge verlesene Schriftstück. Bei dem Beginn der Besprechung zwischen beiden ging die Menge zum Sturm auf das Finanzamt vor, wobei gerufen wurde: "Nieder mit dem Finanzamt, raus mit den Blutsaugern. Wo ist der S.? Steckt das Finanzamt in Brand...." Etwa 60 - 100 Personen drangen nunmehr in das Finanzamt ein und zwangen die anwesenden Beamten und Angestellten die Diensträume zu verlassen, wobei der Obersteuersekretär S. von drei Personen aus dem Zimmer gezerrt und von einem der Täter mit einem Stock auf den Hinterkopf geschlagen wurde....." Nach fünftägiger Verhandlung wurde das Urteil gesprochen. Von den 29 Angeklagten wurden 12 freigesprochen, die übrigen 17 wurden wegen Landfriedensbruch bzw. schweren Landfriedensbruches zu Gefängnisstrafen von drei bis acht Monaten verurteilt. In der Urteilsbegründung ist deutlich erkennbar, dass das Gericht stark unter dem Eindruck der furchtbaren Not der Winzer an der Mosel gestanden und diese Not bei der Strafzumessung berücksichtigt hat. So heißt es in der Urteilsbegründung: "Die Hauptverhandlung hat deutlich ergeben, dass die Masse der Winzer nicht vorhatte, die Staatsautorität zu untergraben, sonst wäre planmäßiger vorgegangen worden und es wäre dann wahrscheinlich auch zu schlimmeren Ausschreitungen gegen Personen gekommen. Die Tat bedeutet zwar eine sehr schwere Verletzung der Rechtsordnung und war auch geeignet, die Staatsautorität zu gefährden; dem einzelnen Angeklagten wird dies aber nicht zum Bewusstsein gekommen sein...." Die ausgesprochenen Strafen wurden später im Gnadenwege erlassen. Unter der Bezeichnung "Jom" berichtet der Heimatkalender 1962 für den Kreis Bernkastel zu den weiteren Vorgängen folgendes: "Die Vorkommnisse in Bernkastel zeigten auch höchsten Stellen, was die Stunde geschlagen hatte und dass hier geholfen werden musste. Es wurden nunmehr unverzüglich Hilfsmaßnahmen und Steuererleichterungen für die ausgeblutete Winzerschaft durchgeführt Am 27.03.1926 hat der Reichstag ein von der Reichsregierung ausgearbeitetes Steuersenkungsprogramm, das auch den Fortfall der Weinsteuer vorsah, angenommen. Damit war für den Winzerstand eine schwere und ungerechte Belastung fortgefallen, und es bahnten sich für den Weinbau bessere Zeiten an. Ein unrühmliches Kapitel in der Geschichte des Moselweinbaues hatte seinen Abschluss gefunden. Aber moselländischer Humor war geblieben, wie nachstehende Veröffentlichung in der Osterausgabe des Cochemer Kreisanzeigers vom 02. April 1926 erkennen lässt:
Noch einmal, und zwar am 22. März 1968, als in der Gemeinde Kröv eine Winzerprotestversammlung stattfand, wurden die Ereignisse der zwanziger Jahre in Erinnerung gerufen. Als nämlich am Vormittag dieses Frühlingstages die jungen Winzersöhne mit ihren Traktoren in einem Demonstrationszug am Finanzamt vorbei kamen und einige davon in aggressiver Weise die Treppe hinauf zum Amt bis unmittelbar vor die Eingangstür vorfuhren, um so ganz besonders auf ihre wirtschaftliche Situation aufmerksam zu machen. Zur Vermeidung irgendwelcher Zusammenstöße nach Ende der Demonstration bei Rückkehr des Zuges am Nachmittag hielt es der damalige Vorsteher des Finanzamts ORR Kalmes für ratsam, das Amt am Nachmittag zu schließen und die Bediensteten nach Hause zu schicken. Zu Vorfällen kam es indessen nicht. ORR Kentenich, stellte in seiner Ansprache anlässlich seiner Einführung als Amtsvorsteher im April 1989 fest, das Finanzamt Bernkastel-Kues habe mit den Finanzamtsstürmern und deren Nachkommen wohl endgültig Frieden geschlossen, denn er habe bei seinem Dienstantritt zwei Enkel der damals Angeklagten als Sachbearbeiter im Geschäftsverteilungsplan des Amtes vorgefunden. Die gesamte deutsche Presse hat seinerzeit über die Vorgänge des Jahres 1926 berichtet. Der frühere Vertreter des Vorstehers, Herr Steueramtmann Sonnen, der den Sturm auf das Finanzamt als junger Beamter persönlich miterlebte, hat vor seiner Pensionierung dem Archiv des Finanzamts eine Vielzahl von Originalunterlagen, hier insbesondere Zeitungsberichte und Fotos, überlassen. Im Archiv befinden sich daher nicht nur Berichte der früheren "Bernkasteler Zeitung", sondern auch Beiträge der Trierer Zeitungen, des Casseler Tageblatts, der Dillinger Zeitung, der Kölnischen Zeitung, des Kölner Tageblatts, der Berliner Illustrierten Zeitung usw.. Auch in der Anfang der 80er Jahre von einer Vielzahl von Verlagen herausgegebenen "Chronik des 20. Jahrhunderts" findet sich mitten im Weltgeschehen des Februar 1926 ein Bericht über die Erstürmung des Finanzamts Bernkastel. Noch heute erhält das Amt Anfragen von Bürgern, die sich für die Vorgänge der Winzerunruhen interessieren und die um Einsicht in die Unterlagen oder um Überlassung von Kopien bitten. Wenn Sie einmal zufällig in Bernkastel-Kues verweilen sollten, so können Sie das Gebäude des erstürmten Finanzamts, in welchem sich heute eine Zahnarztpraxis und Wohnungen befinden, am Fuße des Aufgangs zur Burgruine Landshut (heutige Anschrift Schloßweg l) baulich unverändert wieder finden.
Erwähnenswert zur Geschichte des Finanzamts Bernkastel-Kues ist noch die Tatsache, dass im Zuge der Ausführung des Reichsbewertungsgesetzes 1934 die Weinbergslage "Bernkasteler Doktor" mit einem Wert von 160.000,-- RM/ha zur Reichsspitzenlage für alle Weinbaugebiete bestimmt wurde. Diese relativ kleine Rebfläche von ca. 3 ha befindet sich seit Generationen im Besitz von drei Weingütern, die den Namen und die Abgrenzung der Lage wie einen Augapfel hüten. Einer Sage zufolge, die in einem historischen Festspiel im Rahmen der 700 Jahre Feier der Stadt aufgeführt wurde, ist Kurfürst Boemund II von Trier, nachdem die Kunst der Ärzte zu Ende war, durch ein Fässchen Wein der Lage Bernkasteler Doktor von seiner schweren Krankheit geheilt worden. Die Bürger der Stadt Bernkastel-Kues nennt man deshalb auch "Doktorstädter" und auf einem der zahlreichen Fachwerkhäuser ist zu lesen: "Eile mit Weile, die Sage tut kund, hier ward ein Kurfürst vom Weine gesund". Gegen Ende des zweiten Weltkrieges musste das Gebäude des Finanzamts für kurze Zeit den Amerikanern überlassen werden. Ende April wurde die Arbeit mit zunächst 27 Personen wieder begonnen. RR Dr. Vogt blieb im Amt. Ihm wurde zusätzlich auch noch für eine Übergangszeit die Leitung der Finanzämter Wittlich und Daun übertragen, die er gelegentlich nach noch vorhandenen Aufzeichnungen mit seinem Motorrad aufsuchte. Nach RR Dr. Vogt (1924 - 1949) wurde das Amt von RR Hülsmann (1949 - 1952), RR Hammes (1952 - 1956), RR Dr. Rohde (1956 - 1962), ORR Kalmes (1962 - 1971), RD Schneider (1974-1988), ORR Kentenich (1989 bis 1992) und RD Götz (1992 bis zur Fusion mit dem Finanzamt Wittlich am 31.12.2002) geleitet. Die Zuständigkeit des Finanzamts Bernkastel-Kues (jetzt Außenstelle des Finanzamtes Bernkastel-Wittlich mit Hauptsitz in Wittlich) umfasst seit der Verwaltungsreform im Jahre 1969 die Verbandsgemeinden Bernkastel-Kues, Neumagen-Dhron, Thalfang, Traben-Trarbach und die Einheitsgemeinde Morbach mit zusammen ca. 55 000 Einwohnern. In den Jahren 1969 und 1971 wurden auf Grund von Gebietsreformen einzelne Gemeinden von den Finanzämtern Wittlich, Zell und Trier übernommen bzw. an die Finanzämter Birkenfeld (heute Idar-Oberstein) und Simmern abgegeben. Das Amt (jetzt: Außenstelle) ist in 3 Sachgebiete gegliedert und hat derzeit ca. 70 Bedienstete. Das Finanzamt Bernkastel-Kues gehört zu den Finanzämtern, die in der Vergangenheit wichtige Funktionen verloren haben: 1972 die Betriebsprüfung, 1976 die Körperschaftsteuerstelle, 1978 die Kraftfahrzeugsteuerstelle und die Finanzkasse. Allein durch den Verlust der Finanzkasse sank die Zahl der Bediensteten von 100 auf 80. Für die Prüfung der gewerblichen Mittel- und Kleinbetriebe und die Veranlagung der Körperschaften ist das Finanzamt Wittlich (jetzt: Hauptstelle) zuständig, die Aufgaben der Großbetriebsprüfung und der landwirtschaftlichen Bp-Stelle, der Steuerfahndung sowie der Bußgeld- und Strafsachenstelle werden vom Finanzamt Trier wahrgenommen. Die Finanzkasse sowie die Kraftfahrzeugsteuer waren zunächst ebenfalls beim Finanzamt Trier und sind jetzt beim Finanzamt Daun zentralisiert. Wegen der engen räumlichen Verhältnisse
wurde im April 1973 das Erdgeschoss in einem gegenüberliegenden
Gebäude angemietet und zunächst die Lohnsteuerstellen
dort untergebracht. Durch den Umbau der Vorsteherwohnung
im Jahre 1977 und der Hausmeisterwohnung im Jahre 1980
wurden die Arbeitsbedingungen deutlich verbessert. Die
enormen Parkplatzprobleme -bedingt durch die Kündigung
angemieteter Stellflächen -erforderten einen Umbau von
Garten und Grünfläche hinter dem Dienstgebäude zu
Parkplatz. Anmerkung: Der Bericht über die Winzerunruhen in den zwanziger Jahren wurde im wesentlichen aus Original-Berichten der Bernkasteler Zeitung inhaltlich erfaßt oder gekürzt wiedergegeben. Dazu kommen folgende Literaturhinweise: "Jom": Heimatkalender 1962 für den Kreis Bernkastel "Erwin Schaaf": Not und Protest der Moselwinzer in den Jahren der Weimarer Republik im Jahrbuch 1983 für den Kreis Bernkastel-Wittlich. "Stefan Kritten": Festschrift zum 700-jährigen Stadtjubiläum 1991 Die hier wiedergegebene Fassung der Chronik wurde erstellt für die Internetseite des Finanzamtes Bernkastel-Wittlich. Dabei wurde die von Raimund Staudt und Klaus Schilz verfaßte und in den OFD-Nachrichten Nr. 2-1991 veröffentlichte Chronik verwendet, teilweise gekürzt und auf den aktuellen Stand gebracht.
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| © Finanzamt Bernkastel-Wittlich | Stand: Dienstag, 23. März 2004 |